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INTERVIEW MIT TOBIAS KÄMMERER

Tobias Kämmerer, Impulsgeber für neues Arbeiten ist auch HR3-Morningshow Moderator . Er liebt was er tut und erklärt im Interview was ihn bewegt. Das Interview würde geführt von Sabine Börchers, Fotos von Alex Kraus für Main-Feeling.


Tobias Kämmerer, Impulsgeber für neues Arbeiten ist auch HR3-Morningshow Moderator . Er liebt was er tut und erklärt im Interview was ihn bewegt. Das Interview würde geführt von Sabine Börchers, Fotos von Alex Kraus für Main-Feeling.



Wir treffen uns hier nach Ihrer täglichen Sendung, der HR3-Morningshow, die von 5 bis 9.30 Uhr dauert. Wann sind Sie heute aufgestanden?

Kämmerer: Wie jeden Morgen um 3.20 Uhr.

Puh, das klingt nicht angenehm...

Kämmerer: Diese Reaktion höre ich häufig. Aber das ist bei mir nicht mit Schmerz verbunden. Es war mal anders, aber das hat sich mit der Geburt meines Sohnes geändert. Und dann hilft die Routine. Was ich brauche, ist eine Dusche, sonst ist mein Kopf wattiert. Aber dann bin ich fit. Ich stehe fast nie mit schlechter Laune auf.

Und wann gehen Sie ins Bett?

Kämmerer: Das Einschlafen ist bei mir licht- und ereignisabhängig. Ich versuche, mittags eine Stunde zu schlafen, das klappt ganz gut. Im Sommer, wenn es hell ist, gehe ich zwischen 22 Uhr und Mitternacht ins Bett. Im Winter, wenn der Kamin brennt, ist auch schon mal um 20.15 Uhr der Ofen aus. Ich bin da nicht so selbstdiszipliniert.


Kann man denn noch normale Sozialkontakte pflegen bei so einem Zeitplan?

Kämmerer: Ja, das geht ganz gut. Der größte Gewinn an der Frühsendung war die Zeit, als meine Kinder noch klein waren, weil ich da mittags zu Hause war. Jetzt sind sie in einem Alter, in dem sie sich freuen, den Papa zu sehen, aber nicht mehr bespaßt werden müssen. Mittwochs abends gehe ich seit 25 Jahren mit meinen alten Freunden bei uns auf dem Land in einer selbstgebauten Hütte Karten spielen. Die Hütten haben gewechselt, die Jungs sind geblieben. Und die verstehen auch, dass ich um 22 Uhr aufstehe und gehe.

Über Sie und Ihre Vita gibt es im Internet kaum Informationen, nicht einmal einen Wikipedia-Artikel. Ich dachte, Moderatoren sind grundsätzlich eitel und stehen gerne in der Öffentlichkeit?

Kämmerer: Es gibt sicher Kollegen, und ich sage das jetzt völlig wertfrei, für die ist der Gewinn an diesem Beruf auch ein gewisser Ruhm. Ganz ohne Eitelkeit bin ich auch nicht. Aber für mich war Radio die Möglichkeit, das zu machen, was mir im Kopf herumspukt. Ich teile aber jeden Morgen sehr viel Persönliches mit den Hörern, ich glaube, die können mehr über mich erzählen, als jeder Wikipedia-Artikel.

Sie sind seit dem Jahr 2000 bei HR3, aber eigentlich kommen Sie vom Fernsehen, oder?

Kämmerer: Das war nur ein Praktikum bei TV Touring, einem kleinen privaten Lokalsender in Aschaffenburg. Dann habe ich angefangen zu studieren, Neuere Deutsche Literatur, Medienwissenschaften und Amerikanistik, das aber nicht beendet. Um meine Neugier und den Geldbeutel zu befriedigen, habe ich in den Semesterferien im Funkhaus Aschaffenburg, bei Radio Primavera, gearbeitet, und die haben mir schließlich ein Volontariat angeboten. Dort habe ich das Handwerk gelernt. Ich habe mich sofort ins Radio verliebt, weil ich das Gefühl hatte, eine unglaubliche Spielwiese gefunden zu haben. Weil Radio so vieles vereint, was mir entgegenkommt. Es hat mit Menschen zu tun, es ist sehr schnell und aktuell. Und es ist jeden Tag neu.

Gab es nie einen Plan B, den Wunsch, etwas anderes zu werden?

Kämmerer: Irgendwie hat bei mir eher das Leben geklopft und gefragt, ob ich Lust habe auf die Dinge. In Aschaffenburg hat mein Bauch mir irgendwann gezeigt, dass es Zeit für Veränderung ist. Und dann habe ich zufällig eine Kollegin getroffen, die mir von einer freien Stelle als Redaktionsassistent bei HR3 erzählte und mich empfohlen hat. Ich habe zwei Probewochen gemacht, und schwupp, bin ich hier gelandet.


Seit mindestens zwölf Jahren moderieren Sie bei HR3 mit wechselnder Besetzung die tägliche Morgensendung, jetzt schon einige Jahre gemeinsam mit Tanja Rösner. Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie im Januar 2016 für den FFH-Moderator Daniel Fischer ihren Platz räumen mussten?

Kämmerer: Als Frühmoderator im Radio weißt Du, dass diese Zeit endlich ist, dass es ein großes Geschenk auf Zeit ist, weil sich die Geschmäcker ändern können, die Lebensplanungen oder die Wünsche der Chefs. Aber ich war doch tiefer getroffen, als ich dachte.

Warum?

Kämmerer: Weil ich erst da gemerkt habe, wie sehr ich mich mit dieser Sendung verheiratet hatte. Es war aber hilfreich, darüber nachzudenken, was es heißt, wenn du einen Beruf oder eine Rolle so eng mit dir verknüpfst. Ich habe mir damals gesagt, wenn ich es wieder machen darf – und das durfte ich ja dann nach einem halben Jahr – soll die Sendung wieder all meine Liebe bekommen, aber ich mache nicht mehr mein Seelenheil davon abhängig. Das gibt mir eine gute, entspannte Gelassenheit.


Meinen Sie, dass die Hörer diesen Unterschied merken?

Kämmerer: Das weiß ich nicht. Es gibt aber einen Austausch mit den Hörern, seit ich das mit Tanja mache, die hat überraschende Tiefe und Qualität und eine Alltagsanteilnahme. Es ist schön zu sehen, dass die Sendung, die wir sehr mögen, für viele Menschen eine Bedeutung hat. Das ist ja nachvollziehbar, wen lässt man schon morgens in sein Schlaf- oder Badezimmer oder an den Frühstückstisch, zu Zeiten, in denen das emotionale Schutzschild noch nicht hochgefahren ist.

Das klingt jetzt aber sehr psychologisch…

Kämmerer: Mein Vater ist Psychologe und bildet an seinem Institut systemische Berater aus. In diesem Dunstkreis bin ich aufgewachsen. Mich treibt schon mein Leben lang um, wie man dafür sorgen kann, dass es den Menschen besser geht, etwa durch Coaching.

Wäre das eine neue Perspektive für Sie?

Kämmerer: Das Radio ist meine große Liebe, und die gibt man nie auf. Und auch bei einer Unterhaltungssendung wie unserer lautet schließlich die Grundfrage, wie komme ich mit Menschen in Kontakt. Wir sehen ja, was in unserem Land derzeit los ist, wie sich die Positionen verhärten. Wir bekommen zwar deutlich mehr Lob als Kritik, aber auch wir merken, dass die Leute oft sehr ärgerlich reagieren. Ich finde ein Gespräch dann hilfreicher und telefoniere lieber. Die Überraschung auf der anderen Seite ist meist groß, dass sie jemand anruft und dann noch der Moderator selbst. Und es kommt vor, dass sie zumindest die Art ihrer Äußerung überdenken.

Wie schwierig ist es überhaupt, am Mikrofon den Kontakt zu den Hörern herzustellen, die man nicht sieht?

Kämmerer: Ich habe eine beherzte Vorstellungskraft von denen, für die ich etwas mache und einen fast grenzenlosen Verein, der vor meinem geistigen Auge aufmarschiert. Das klingt jetzt nach matraartiger Handwerkskunst. Das passiert aber eher unterschwellig. Wenn ich auf dem Klavier einen D-Moll-Akkord spiele, stelle ich mir den jungen Familienvater vor, der müde am Frühstückstisch sein Kind füttert. Wenn es krachen soll, habe ich eher an meine Jungs zu Hause vor Augen. Dann verfalle ich interessanterweise auch stärker in den Dialekt.

Ist der Tobi Kämmerer aus dem Radio zu 100 Prozent so wie der private?

Kämmerer: Zu 100 Prozent ist wohl niemand immer gleich. Auch mich gibt es sehr entspannt und hektisch, liebevoll und ungeduldig, laut und leise, spontan, freudig auf dem Tisch tanzend und sehr nachdenklich. Aber es gibt keinen Teil an mir, den ich für das Radio erfinde. Das wäre mir viel zu anstrengend. Wir geben damit viel von uns preis. Aber das macht auch den Erfolg der Sendung aus, dass wir mit wenig Maske daherkommen. Ich kann mich nicht hinstellen, nur weil ich am Mikro sitze, und den Leuten die Welt erklären. Ich bin vielmehr interessiert an einem Austausch. Ich teile alles mit den Leuten, wenn ich das Gefühl habe, dass es Themen sind, die auch sie beschäftigen.

Und was machen Sie, wenn es Ihnen persönlich mal richtig schlecht geht?

Kämmerer: Dann wäre ich nicht in der Lage, die Sendung zu moderieren. Dann bleibe ich zu Hause. Damit die Sendung so stattfinden kann, wie sie ist, ist schon eine gesunde Haltung erforderlich, da müssen wir gut bei uns sein, sonst wird es schwierig.

Seit einigen Jahren sind Sie auch im HR-Fernsehen zu sehen. Dort haben Sie die Sportsendung „Heimspiel“ moderiert, haben „Straßenspaß“ mit versteckter Kamera gemacht und derzeit unternehmen Sie „Städtetrips“ durch Hessen. Sind Sie so etwas wie das „Mädchen für alles“?

Kämmerer: Gute Frage. Ich mag es gerne, mit Leuten zu tun zu haben. Und es gibt Sendungen, denen tut es gut, wenn man gerne mit Leuten zu tun hat. Die Städtetrips kamen der Mischung aus meiner großen Heimatliebe und meiner Neugier auf Menschen entgegen. Für mich ist es ein großer Luxus, Sachen machen zu dürfen, die meinen Fähigkeiten entsprechen. Ich könnte ziemlich viel machen, weil es Handwerk erfordert, aber es gibt einfach viele Kollegen, die es noch besser machen.

Gibt es etwas, das Sie gar nicht moderieren könnten?

Bei „Straßenspaß“ war es so. Ich habe gemerkt, da bin ich nicht der Beste dafür. Die Sendung war eine Variante der „Versteckten Kamera“, für die man Leute auf den Arm nehmen muss. Ich habe festgestellt, dass ich das nur schwer kann. Ich kann mich gut streiten, mit mir kann man stundenlang Argumentationsarmdrücken machen, aber ich brauche es versöhnlich. Bei der Sendung habe ich für mein Empfinden immer einen Fuß in der Tabuzone der Leute gestanden. Sonst funktioniert das Format nicht. Das hat mir aber körperliche Schmerzen bereitet. Das war für mich der Grund, mit der Sendung aufzuhören.

Sie spielen Klavier und Gitarre und treten auch gerne in Ihrer Sendung mit den Gästen auf. Erinnern Sie sich an einen besonderen Moment mit einem Stargast?

Es gab viele tolle Momente. Einmal hatten wir Rea Garvey zu Gast. Er hatte seine Gitarre dabei, ich habe mich ans Klavier gesetzt. Dann haben wir eine Hörerin angerufen, von der wir wussten, dass sie ein riesiger Rea-Garvey-Fan ist und haben für sie „Supergirl“ gespielt. Mit Max Giesinger bin ich mit zwei Gitarren sonntagsmittags um 14 Uhr zu einer Eisdiele gefahren und wir haben davor auf der Straße seinen Song „80 Millionen“ gespielt. Im ersten Moment waren die Leute total genervt, bis sie kapiert haben, wer da spielt. Das Tolle ist, man hat es mit Profis zu tun, die auch beim Interview routiniert sind. Wenn man aber einen anderen Kontext findet, zum Beispiel im Auto sitzt, dann führt man sehr schnell gute und tiefe Gespräche.

Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Kämmerer: Gerne, dann kann ich jetzt ins Bett gehen.